ADFC FDF-Archiv

ForschungsDienst Fahrrad


FDF 303 - 9.1.98

Kurt und Claudia Ackermann: Verkehrsverhalten Arbeitsloser

Hohe Arbeitslosigkeit bedingt verstärkte Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel

Wichtigstes Ergebnis

Das Mobilitätsverhalten von Arbeitslosen und Berufstätigen unterscheidet sich teilweise erheblich, wobei sich die Verkehrsmittelwahl mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit zum Rad- und Fußverkehr verlagert. Daraus entstehen erhöhte Anforderungen an Versorgungs- und Freizeitstrukturen im Wohnumfeld.

Zum Inhalt

Im Rahmen der turnusmäßigen Verkehrsbefragungen (SrV) in Städten der neuen Bundesländer wurde 1994 für Dresden das Verkehrsverhalten Berufstätiger und Arbeitsloser gezielt untersucht und mit Erkenntnissen zur psychologischen Bewältigung von Arbeitslosigkeit aus der Dissertation der Autorin verknüpft.

Durch Arbeitslosigkeit ändert sich zunächst das allgemeine Verhalten der Betroffenen, was im Beitrag zusammenfassend dargestellt wird. Beim Mobilitätsverhalten Arbeitsloser ergab sich, daß sich Behördengänge, Einkaufs- und Freizeitwege anteilmäßig etwa verdoppelten. Da diese Wege sich nicht mehr mit Arbeitswegen verbinden lassen, ist die absolute Mobilität (Wege je Tag) bei Arbeitslosen mittleren Alters sogar deutlich größer als bei Berufstätigen. Hinzu kommen mehr und weitere Wege, um preiswerter einzukaufen oder einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Die Verkehrsmittelwahl verlagerte sich bei Arbeitslosigkeit zunächst weg von Pkw und Fahrrad (deren Anteil sank um rund die Hälfte) zu ÖPNV (Anteil stieg um ca. 1/3) und Fußwegen, deren Anteil sich verdoppelte. Ursache dafür ist vorrangig der Wegfall langer Arbeitswege. Bei Langzeitarbeitslosigkeit und starken finanziellen Einschränkungen sinkt die ÖPNV-Nutzung wieder ab; die Mobilität der Betroffenen beschränkt sich im wesentlichen auf Fuß- und Radfahrdistanzen im Umfeld der Wohnung. Allgemein nehmen Langzeitarbeitslose mehr passiv am Leben teil, wodurch sich die Mobilität tendenziell verringert. Das Mobilitätsverhalten Arbeitsloser zeigt damit Parallelen zum Verhalten älterer oder mobilitätseingeschränkter Menschen.

Auf Grund dieser Erkenntnisse ist eine funktionierende Versorgungs- und Freizeit-Infrastruktur im nahen Wohnumfeld besonders wichtig, um Arbeitslosen wie auch älteren Bürgern eine menschengerechte Lebensqualität zu bieten. Die Verlagerung des großflächigen Handels ins Umland der Städte entspricht nicht diesen Anforderungen; die Konkurrenzwirkung von dort beeinträchtigt zudem die noch vorhandenen Einrichtungen in den Wohngebieten. Die Autoren fordern fachübergreifende Arbeit der Sozialwissenschaftler und planenden Ingenieure zur Bearbeitung dieser Fragestellungen. Artikel Kurt Ackermann, Claudia Ackermann: Verkehrsverhalten Arbeitsloser, In: Straßenverkehrstechnik 9/97. Vortrag beim 36. Kongreß des BDP (Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen) im September 1996.

Kontakt

Prof. Dr.-Ing. habil. K. Ackermann, Dr. rer. nat. C. Ackermann, Technische Universität Dresden, Mommsenstr. 13, 01069 Dresden


Der Forschungsdienst Fahrrad des ADFC berichtete bis 1999 14-tägig über Verkehrswissenschaft und Fahrradpolitik. Vielen Dank an die Herausgeber Tilman Bracher und Mattias Doffing und an Elmar Steinbach, der die FDFs ins Internet gebracht hat.

Seit Mitte 1999 ist der Forschungsdienst Fahrrad eingestellt. Er wurde durch den Bicycle Research Report ersetzt, der beim ECF (www.ecf.com) abonniert werden kann. werden kann. European Cyclists' Federation ECF - Rue de Londres 15 (b. 3) - B-1050 Brussels - Phone: +32-2-512 98 27 - Fax: +32-2-511 52 24, e-mail: office@ecf.com


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