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ForschungsDienst Fahrrad


FDF 248 - 22.07.1995

KLAUS HAEFNER / GERT MARTE: DER SCHLANKE VERKEHR

Diskussion um Fuß- und Radverkehrsanteile "mehr und mehr lächerlich"

Vorschlag: durch öffentlichen Individualverkehr Kraftfahrzeuge auslasten

Wichtigstes Ergebnis: Weil gegenwärtig in der Verkehrsplanung ganz unterschiedliche Ziele verfolgt werden - Raumüberwindung, Wirtschaftswachstum (Fahrzeuge und Straßen), Förderung des öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) oder Umweltschutz - ist das gegenwärtige Verkehrssystem weder effizient noch umweltfreundlich. Vor allem Kraftfahrzeuge werden schlecht ausgelastet. Um eine bessere Auslastung zu erreichen, sollten Verkehrssystem-Manager Fahrgemeinschaften (öffentlichen Individualverkehr) koordinieren.

Zum Inhalt: Die Analyse der Bremer Informatikprofessoren Haefner und Marte in ihrem Buch Der schlanke Verkehr zeigt, daß im "System Verkehr" ganz unterschiedliche Ziele verfolgt werden. Vielen scheint es nicht darum zu gehen, jedermann effizient jederzeit überall hin zu transportieren (Raumüberwindung). Die Wirtschaft sieht im Verkehr einen Markt für Fahrzeuge und Straßen (Wirtschaftswachstum); andere wünschen sich einen optimalen öffentlichen Personenverkehr (koste es was es wolle) oder ein möglichst umweltfreundliches Transportsystem (Umweltverbund).

Starke Interessen an der weiteren Expansion des "Wirtschaftssystem Verkehr" haben die Kraftfahrzeugbranche (ca. jeder siebte Arbeitsplatz), der ÖPNV (gut eine halbe Million Beschäftigte), eine knappe Million Beschäftigte in Güterumschlag und -verkehr und ca. 200.000 Beschäftigte im Straßenbau. Vom Verkehr leben außerdem Unternehmen und Mitarbeiter der Mineralölwirtschaft, von Gastronomie und Einzelhandel - insbesondere "auf der Grünen Wiese", Rettungsdienste, Versicherer und Mediziner.

Der heutige weitgehend motorisierte Verkehr ist extrem uneffizient. Statt Transportprobleme optimal zu lösen, folgt die Verkehrsplanung im wesentlichen den Interessen der Lobbies, die am Verkehr direkt verdienen. Außerdem zahlen die Verursacher ihre Schäden und Kosten nicht. Motorisierter Verkehr zerstört durch hohe Lärmbelastung und Nichtbegehbarkeit der Straße die Urbanität. Für den Konsum jedes Deutschen werden jährlich 6 t Güter über 600 km weit transportiert. Während auch der Berufs- und Wirtschaftsverkehr wächst, nimmt vor allem der "Spaßverkehr" mit Kraftfahrzeugen ständig zu.

Im wesentlichen gibt es heute, so die Autoren des schlanken Verkehrs, für Personen nur zwei Transportsysteme: den individuellen Pkw auf der Straße, und das Großfahrzeug auf Straße und Schiene. Weil 95,1% der Verkehrs, gemessen in Personenkilometern, motorisiert zurückgelegt werden (Tab. 1.-A) und mit Kraftfahrzeugen fast fünfzehn mal mehr Kilometer zurückgelegt werden als zu Fuß oder auf dem Fahrrad, ist die Diskussion der Verteilung von Wegen zwischen den verschiedenen Verkehrsträgern, so Haefner/Marte, mehr und mehr lächerlich. Der Fuß- und Radverkehr hat außerhalb von Innenstädten kaum noch nennenswerten Umfang.

Durch die breite Palette relativ naiver Einzelvorschläge zur "Verbesserung des Verkehrs", zur "autofreien Innenstadt", zum "Ausbau des ÖPNV", zum "Anti-Auto-Gesetz", zum "allgemeinen Tempolimit", zum "Umweltverbund" etc. wurde bisher eine ernsthafte Diskussion über Rationalisierung und deutliche Verbesserung des gesamten soziotechnischen Systems Verkehr erfolgreich verhindert.

Haefner/Marte gehen davon aus, daß alleine 20% aller Fahrzeugkilometer eingespart werden können, wenn der bestehende Personenverkehr durch Verkehrs-System-Management VSM besser organisiert wird und Fahrzeuge dadurch besser ausgelastet werden. Dazu soll ein drittes Verkehrsnetz geschaffen werden, in dem mit Pkw und Kleinbus der individuelle Transport für jedermann durch Mitnahme in privaten Fahrzeugen zu geringen Kosten ermöglicht wird (Öffentlicher Individualverkehr ÖIV).

Der ÖIV soll durch Verkehrssystem-Manager unterstützt werden, die z.B. Mitfahrten und "Freies Trampen für Freie Bürger" populär machen, Bürgerbusse koordinieren, das Car-sharing (gemeinsame Pkw-Nutzung) vermitteln, Sammeltaxis schaffen und z.B. einen CMF (Club der Miteinander Fahrenden) fördern (vgl. Tab. 5.-H). Außerdem sollen flexible Mietwagensysteme gefördert werden, und Park & Ride-Systeme zum Umsteigen einladen. Darüber hinaus, so Haefner/Marte nebenbei, sollte VSM alles tun, um den nichtmotorisierten Verkehr zu fördern ("Bike & Ride", "Walk & Ride", "Walk or Ride only").

Buch: "Der schlanke Verkehr. Handbuch für einen umweltfreundlichen und effizienten Transport von Personen und Gütern" von Klaus Haefner und Gert Marte. Erich Schmidt Verlag. Berlin 1994.

Anschrift: Prof. Dr. Kaus Haefner, Prof. Dr. Gert Marte, Universität Bremen, Institut für Informatik und Verkehr.

FDF 248 vom 22.7.95


Der Forschungsdienst Fahrrad des ADFC berichtete bis 1999 14-tägig über Verkehrswissenschaft und Fahrradpolitik. Vielen Dank an die Herausgeber Tilman Bracher und Mattias Doffing und an Elmar Steinbach, der die FDFs ins Internet gebracht hat.

Seit Mitte 1999 ist der Forschungsdienst Fahrrad eingestellt. Er wurde durch den Bicycle Research Report ersetzt, der beim ECF (www.ecf.com) abonniert werden kann. werden kann. European Cyclists' Federation ECF - Rue de Londres 15 (b. 3) - B-1050 Brussels - Phone: +32-2-512 98 27 - Fax: +32-2-511 52 24, e-mail: office@ecf.com


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