Norddeutschland und Dänemark

13. Juli bis 4. August 1991

Irgendwann im Frühjar 1991 beschlossen mein Bruder Christoph und ich, im Sommer mit den Rädern zu verreisen. Unser Freund Michael entschied sich dafür, mitzufahren. Woher die Idee letztendlich kam weiß ich nicht mehr. Inzwischen sind fast neun Jahre vergangen und ich habe mich entschlossen, meine Erinnerungen aufzuschreiben.
Es sollte unsere erste mehrwöchige Tour sein. So ganz ohne Erfahrung wollten wir es aber doch nicht wagen. Also schoben wir kurzerhand eine Tour über Pfingsten nach Amsterdam ein. Aber dazu an anderer Stelle mehr.
Wie gesagt, wir konnten nicht aus einem großen Erfahrungsschatz schöpfen. Wir hatte bis dahin weder Ausrüstung fürs Radwandern, noch waren wir zelterfahren. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Welche Strecke schaffen wir am Tag? Halten wir drei Wochen Radfahren durch? Wie kommen wir miteinander zurecht? Wie wird das Wetter sein? Wie sehen die Wege aus? Lauter Fragezeichen, so dass wir uns entschlossen, die Tagesetappen im voraus zu planen und die Übernachtungen zu buchen. Also nahmen wir uns das deutsche und das dänische Jugendherbergsverzeichnis und suchten die Herbergen so aus, dass wir sicher sein konnten, die Strecken zu bewältigen. Wir wohnten in der Nähe von Düsseldorf und wollten uns die "Ruhrpott-Querung" sparen. So legten wir als Start- und Ziel-Ort Münster fest. An- und Abreise sollte mit dem Zug erfolgen. Die geplante RouteAm Ende hatten wir uns diese Strecke ausgesucht: Münster - Georgsmarienhütte - Damme - Bremen - Bremervörde - Itzehoe - Rendsburg - Flensburg - Haderlev - Fredericia - Skanderobrg - Randers - Viborg - Holstebro - Borkhavn - Oksbøl - Ribe - Rudbøl - Albersdorf - Glückstadt - Bremerhaven - Oldenburg - Bersenburck - Münster.
Die Jugendherberge Diepholz war aufgelöst, in den ursprünglich geplanten Etappenzielen Heide, Ringkøbing und Vejle waren die Herbergen ausgebucht.
Unsere Ausrüstung war bescheiden. Je 4 Agu-Packtaschen, Trangia-Kocher, viel zu viel Werkzeug, Verpflegung, ein paar Radlerhosen, Gore-Tex-Jacke, sonstige, nicht spezielle Kleidung.

Am 13. Juli war es soweit: Mit der S-Bahn nach Düsseldorf und dann per Zug nach Münster. Die Räder hatten wir selbst verladen, es stand ein ganzer Gepäckwagen zur Verfügung. In Duisburg stieg Michael zu. Langsam wurde der Platz im Gepäckwagen eng. Wir halfen den Zusteigenden, die Räder zu verladen und konnten dabei auf unsere Räder aufpassen. Spätestes, als der Schaffner anfing, die Räder übereinander zu stapeln, waren wir froh, dass wir unsere an jedem Bahnsteig erst beiseite schieben und anschließend wieder sorgsam vor das Chaos schieben konnten.
Ankunft in Münster, nix wie raus, kurze Orientierung und auf geht's! Bis nach Georgsmarienhütte waren es rund 64 km. Kurz nach 16 Uhr kamen wir bereits an, nachdem wir die Jugendherberge aufgrund der mangelnden Ausschilderung offensichtlich mehrfach umkreist hatten. Das Schild an der Tür überraschte uns etwas: Die JH war an diesem Wochenende geschlossen! Eigentlich hatten wir ja reserviert. Nachdem wir den Jugendherbergsvater ausfindig gemacht hatten und ihm erklärt hatten, dass wir die Übernachtung gebucht hatten, war dann alles kein Problem mehr. Wir waren die einzigen Gäste im verlassenen Haus.

Für den nächsten Tag (14. Juli) stand Damme als Ziel fest. Wieder rund 64 km, eigentlich zu wenig für eine Tagesetappe. Das war der Preis für unsere Unerfahrenheit. Bei der Planung waren wir wohl etwas vorsichtig, denn wir kamen besser voran, als wir erahnt hatten. Bereits um 14 Uhr hatten wir Damme erreicht, so dass wir uns noch drei Stunden in die Sonne gelegt haben. Die Pause nutzten wir dazu, auf der Wiese im Spiritus-Kocher Brot mit Käse zu überbacken. Radfahren macht hungrig! Wir übernachteten zu dritt in einem 4-Bett-Zimmer.

15. Juli: auf nach Bremen! 92 km lagen vor uns. Die Streckenlänge machte uns keine Probleme. Bereits um 15 Uhr konnten wir im Jugendgästehaus einchecken. Das Haus war ausgebucht, hier war uns unsere Vorbestellung von Vorteil. Unser Zimmer bot den Ausblick auf eine große Brauerei ...

Bis nach Bremervörde hatten wir am nächsten Tag (16. Juli) 77 km vor uns. Kurz nach 14 Uhr kamen wir an – im Regen. Wenn das Wetter bisher auch nicht besonders war, auf den Regen hätten wir gerne verzichtet.

17. Juli, sah es wieder besser aus. Unser Ziel hieß Itzehoe. In Glückstadt überquerten wir mit der Fähre die Elbe. Es regnete wieder. In der frisch renovierten Jugendherberge schliefen wir in einem 3-Bett-Zimmer.

18. Juli: Mittlerweise machte sich unser Training bemerkbar: Die knapp 60 km bis Rendsburg fuhren wir bis 12 Uhr. Uns blieb genügend Zeit für eine lange Mittagspause und den Einkauf. Bereits um 15 Uhr nahmen wir den Schlüssel für unser 3-Bett-Zimmer entgegen.

Die letzte Station vor der Grenze war am 19. Juli Flensburg. Die 75 km bis dorthin legten wir bis 16 Uhr zurück. Zwischendurch gab es immer wieder Regenschauer, so dass die Kleidungswahl schwer fiel. In der JH gab es für uns ein 8-Bett-Zimmer ohne Tisch.

Die erste PanneWindkraftwerke ohne Ende

Am nächsten Morgen, 20. Juli, stand die Einreise nach Dänemark an. Kurz vor Haderslev hatte Christoph die erste Panne: Plattfuß am Hinterrad! Für solche Fälle waren wir gut gerüstet, so dass es bald weitergehen konnte. Um 15.30 Uhr erreichten wir das Vandrerhjem.
In Dänemark bestimmten die Windkraftwerke zeitweise die Landschaft. Was die Betreiber freut, ist des Radlers Feind ...

21. Juli: Mit Fredericia hatten wir uns wohl eine der hässlichsten Städte Dänemarks ausgesucht. Na ja, für eine Übernachtung reichte es. Hier hätte uns auch nichts halten können.

Am 22. Juli ging es weiter nordwärts zum 94 km entfernten Skanderborg.
Nun ging es auf unserer Route das letzte Stück in der Nähe der Ostküste entlang. Das Gelände war hügeliger, als wir geahnt hätten. Das Wetter war durchwachsen. Wir hofften immer noch auf Besserung.

Mit Randers hatten wir am 23. Juli etwa 70 km später einen Wendepunkt unserer Tour erreicht. Hier wollten wir Richtung Westen abbiegen und Jütland durchqueren. Viborg war unsere nächste Station am 24. Juli. An keiner anderen Stelle auf unserer Route in Dänemark war die Küste so weit entfernt. Die 55 km hatten wir bis 15 Uhr hinter uns.Waldwege

Am nächsten Tag planten wir um. Statt über Holstebro fuhren wir am 25. Juli bis zum knapp 80 km entfernten Brande. Wir merkten, dass einige Etappen einfach zu kurz geplant waren. In einem 6-Bett-Zimmer ließ es sich zu dritt gut aushalten.

26. Juli: In Bork Havn erwartete uns nach rund 70 km eine riesige Jugendherberge. Mit erreichen der Westküste besserte sich auch das Wetter zusehends. Die Sonne strahlte in hohem Bogen, wir konnten im T-Shirt fahren. Es bestend akute Sonnenbrand-Gefahr!

1000 km

Die nächste geplante Station sparten wir uns ebenfalls: Oksbøl. Wir fuhren am 27. Juli direkt bis Ribe weiter. Die knapp 90 km schafften wir bis 16 Uhr. Auf dieser Tour überschritten wir die 1.000-km-Marke. Zeit für ein Gruppenfoto! Christoph und ich schliefen im 6-Bett-Zimmer, Michael schlief im Großraum-Schlafsaal. Den nächsten Tag nutzten wir als Ruhetag und fuhren nur wenig in und um Ribe ohne Gepäck. Ribe ist die älteste Stadt Dänemarks, ein Aufenthalt lohnt sich in jedem Fall!

30. Juli: Auf dem Weg nach Rudbøl hatten wir dann die nächste Panne. Irgendwo auf einer Schotterpiste brach in meinem Hinterrad eine Speiche. Glücklicherweise nicht auf der Zahnkranz-Seite, so dass der Austausch unproblematisch war. Ersatzspeichen waren ja im Gepäck, an Werkzeug mangelte es auch nicht.

Am nächsten Tag, 30. Juli, hieß es: Rückkehr nach Deutschland! Albersdorf war noch 115 km entfernt. Dies war gleichzeitig unsere längste Etappe. Nach etwa zwei Wochen Training war es aber kein Problem. Die JH bot uns ein 8-Bett-Zimmer und eine Dusche für das gesamte Haus. Hier fiel uns auf, dass die dänischen Jubendherbergen durchweg besser ausgestattet waren, als die deutschen.

Am 31. Juli ging es weiter nach Glückstadt. Hier kreuzten sich Hin- und Rückweg, da die Fähre eine bequeme Möglichkeit zur Elbquerung bot. auch hier gab es nur eine Dusche sowie ein 12-Bett-Zimmer ohne Tisch und Schrank.

1. August: Die geplanten 72 km bis Bremerhaven waren bis etwa 15 Uhr geschafft.

2. August: Oldenburg. Das 6-Bett-Zimmer, das wir zunächst alleine belegten, wurde bis abends doch noch voll. Die vorletzte Etappe fürhte uns am 3. August zum 84 km entfernten Bersenbrück. Hier hatten wir das 8-Bett-Zimmer für uns, so dass wir uns bequem ausbreiten konnten.

4. August: Letzte Etappe zum gemeinsamen Start- und Zielpunkt Münster. Noch einmal knapp 90 km bis zum wirklichen Ende der Tour. Gegen 14 Uhr hatten wir insgesamt 1.800 km hinter uns. Die erste Radreise war erfolgreich geschafft. Stolz setzten wir uns um 15.18 Uhr in den Zug Richtung Düsseldorf. Bei der Fahrradverladung verlor ich noch meine durchgeschwitzten Handschuhe. Aber die brauchte ich ja jetzt nicht mehr ...

1.800 km auf dem Rad, drei Wochen Radfahren, ständig an frischer Luft. Unsere Essensrationen vergrößerten sich auf das doppelte des Üblichen. Dieser Zustand hielt auch noch einige Zeit nach unserer Ankunft zu Hause noch an.

Melonenpause Während der Tour waren wir meistens Selbstversorger. Jeden Tag kauften wir unterwegs Lebensmittel ein. In Dänemark war das noch nicht einmal am Wochenende ein Problem. Meistens haben wir den Nachmittag zum Einkauf genutzt, da wir immer sehr früh am Zielort ankamen. Gekocht wurde auf dem Spirituskocher oder in Dänemark in den Gästeküchen der Jugendherbergen. Dort hatten wir auch die Möglichkeit, nach dem Einkauf unser tägliches Eis zwischenzulagern, um es dann nach dem Essen zu vernichten.
Nach dieser Tour sollten noch viele andere Touren folgen, wobei ich die nächste dreiwöchige Tour allerdings erst im Jahre 1999 wagte. Bis dahin musste ich einige Zeit pausieren, anschließend bin ich wieder mit einigen einwöchigen Touren eingestiegen.
Mit der Zeit ist auch die Ausrüstung komfortabler geworden, ich wähle aufgrund der steigenden Erfahrung auch sorgfältiger aus. Funktionskleidung, schnelltrocknende Viskose-Handtücher usw. Statt Jugendherbergen nehme ich nun das Zelt zur Übernachtung (es sei denn, ich fahre im Winter) Die Werkzeug-Ausstattung erwies sich – glücklicherweise – bisher immer als zu umfangreich ...

 

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© März 2000
Peter de Leuw PdL, , letzte Aktualisierung: 30.07.2016

http://www.pdeleuw.de/fahrrad/dansk91.html - ausgedruckt am 17.12.2017