Erik fährt Weltcup - WIR AUCH!

 
6:00 Uhr- Der Wecker klingelt an diesem Sonntag viel zu früh.... doch für einen fast autofreien Tag in Hamburg nehmen wir das gerne in Kauf! Gemütlich trinken wir unseren Kaffee, denn noch lassen wir uns von niemandem hetzen.
7:30 Uhr - Mit vier Trinkflaschen und zwölf Corny-Riegeln beladen wir das Tandem und rollen gemütlich durch die Stadt. Je näher wir der Innenstadt kommen, umso lebhafter wird das Treiben: Edelflitzer in metallic-bunt oder schwarz, Trikot-Träger gepunktet oder schlicht gelb, aber jeder erkennbar an seinem blau-weissen Starter-Beutel. Rasch geben wir unsere Beutel ab und greifen in die große Kiste mit den goldgelben Bananen, ein späterer Hungerast ist schließlich gefürchtet!
8:30 Uhr - Die Spannung steigt, als wir an unserem Startblock ankommen. Schnell werden Bekannte begrüßt, Kontakte mit anderen Mitstreitern geknüpft und das Material der Konkurrenz beäugt: Portionsgerecht geschnittene und auf dem Oberrohr aufgeklebte Energieriegel des gelben Flitzers rechts von uns faszinieren noch am meisten. Da kommt doch tatsächlich kurz die Sonne hervor und wärmt die kalten Muskeln auf.
9:00 Uhr - Vorne auf der Mönckebergstraße ist gerade der Startschuß zu den sechsten HEW-CYCLASSICS gefallen. Während die schnelleren Sprinter auf die Strecke jagen, müssen wir hier hinten noch auf das OK der Rennleitung warten. Schließlich können nicht alle 10500 Hobby-Radler und Möchtegern-Eriks gleichzeitig losfahren. Also immer schön der Reihe nach!
9:25 Uhr - Fünf - vier - drei - zwei - eins: endlich fällt auch für Startblock O das rot-weiße Flatterband und die letzten fünfhundert Radler machen sich zusammen mit uns von der Mö auf die Reise. Der Kurs verläuft wie im vergangenen Jahr: Steintorwall, Altmannbrücke, Kurt-Schumacher-Allee, Berlinertordamm, Borgfelder Straße, Auschläger Weg, Billwerder Steindamm, Borsigstraße. Dann geht es durch Moorfleet und ab in die Marsch- und Vierlande. Eine herrliche Strecke liegt nun vor uns.
10:30 Uhr - Die neuen Reifen haben sich schon allein auf den ersten dreißig Kilometer gelohnt, dieses Mal hat uns der Plattfuß-Teufel auf der Fahrt durch das Hafengebiet verschont... Leider standen auch diesmal gleich zu Beginn der Strecke etliche Radler auf dem Pannenstreifen. Das Feld hat sich allmählich gelichtet. Mit einigen Überholmanövern arbeiten wir uns stetig zwischen die vor uns gestarteten aus Block N und M. Vor uns liegt bereits Bergedorf! Das bedeutet ja, dass wir einen 40'er Schnitt drauf haben. Die Bestätigung kommt von Copilot Peter, der an seinem Lenker den Tacho stets im Blick hat.
11:05 Uhr - Plakate kündigen die erste Verpflegungsstelle am Ortseingang von Geesthacht an. Nur gut, dass wir genügend Proviant eingesteckt haben. Natürlich drosselt jeglicher Ballast am Rad das Tempo, aber ein verlorener Anschluß an das Feld und somit das Radeln ohne Windschatten kostet mindestens ebensoviel Zeit und Kraft. "Hey, das gilt nicht!" bemerken die Kollegen im Peloton über uns als Tandemteam. Dabei haben wir doch nur ein ganz normales und eigentlich für Reisen ausgelegtes Tandem und kein ultraleichtes High-Tech-Rad.
11:15 Uhr - Die Elbquerung liegt hinter uns und wir spüren leichten Gegenwind. Nun gilt es, weiter motiviert zu treten. In regelmäßen Abständen reicht Peter mir die Trinkflasche mit dem übersüßen Getränk, sponsored by Hella: Puuuh, schmeckt das scheußlich, aber es hilft ungemein, die Konzentration zu bewahren. Und die muss in solch einem Rennen ungemein hoch sein, wollen wir doch nicht auch noch blutend auf dem Asphalt liegen wie so manch' anderer.
11:35 Uhr - Schade, dass es so diesig ist, eigentlich müsste man schon vom Deich aus Hamburg sehen. Der sechste oder siebte Müsli-Riegel ist vertilgt und von Müdigkeit noch keine Spur. Am Straßenrand herrscht mancherorts Partystimmung. Doch davon bekommen wir nur wenig mit, achten wir doch eher auf die Rücken der vor uns Sprintenden: Der Buchstabe links neben der Startnummer lautet nun immer öfter L, K und I! Sind da einige so langsam oder wir vielleicht so schnell???
12:00 Uhr - Mühsam quälen wir uns in Harburg den Berg hinauf. Eigentlich lächerlich, denke ich, im Vergleich zu einem Alpenpaß... Aber den können wir im Herbst wenigstens in Ruhe genießen und müssen nicht unter Zeitdruck hinauf strampeln, und schon gar nicht mit dem Tandem! Der zweite Verpflegungsstand wird ebenfalls ignoriert, eine halbe Banane für jeden dämpft das um diese Zeit so bekannte Magenknurren im Voraus.
12:20 Uhr - Durch die herrlich rasante Abfahrt mit Tempo 55 haben wir einiges an Zeit wieder gut machen können. Der erste Kollege aus Block C wird noch eben vor der Köhlbrandbrücke überholt, dann befinden wir uns auch schon an unserem letzten großen Anstieg. Rechts fragt uns jemand nach einem Abschleppseil, aber hier ist sich jeder nur selbst der Nächste. Oben angekommen genehmigen wir uns einen kurzen Ausblick über den Hafen. Der Tacho zeigt nur noch einen 35'er Schnitt, nun aber auf zum Schlußsprint!
13:30 Uhr - Wie im vergangenen Jahr sind auch dieses Mal etliche Bahngleise auf der Strecke nicht oder nur unzureichend abgedeckt. Da helfen auch keine Streckenposten mit Warnweste und Trillerpfeife ausgerüstet, leider muss auch hier wieder so mancher Radler Blut lassen. Dann schon lieber bremsen und langsam durch die Gefahrenzone zockeln...
13:45 Uhr - An dem Abzweig 115/170 km halten wir uns deutlich links. Nicht, dass wir schon müde wären, ... aber unser Schnitt reicht nur knapp für die lange Tour. Leichter Wehmut macht sich breit: Jetzt noch eine Schleife hinüber nach Schenefeld, runter nach Wedel an die Elbe und bei leichtem Gefälle die Elbchaussee zurück in die Stadt kacheln - das wär' schon was! Doch das Risiko, von der Strecke verwiesen zu werden, scheint uns zu groß.
13:53 Uhr - Enttäuschung bei Zieleinlauf: etliche hundert Radler aus der 60- und 115km-Runde treffen zeitgleich ein. Das Feld staut sich weit zurück. So bleibt uns nichts anderes übrig, als zu Fuß, das Tandem - als bestes, wie wir später erfahren - schiebend, die Ziellinie zu queren. Auch wenn Erik, Jan und wie sie alle heißen, dies nachher nicht passieren wird, ein kleiner Hauch von Weltcup war an diesem 6. August 2000 auch bei uns "Jedermännern" zu spüren.

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© A. Pühse, Aug. 2000